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Begegnungsreise mit Jugendlichen nach Minsk in Weißrussland

vom 26. Dez. 2010 – 03. Jan. 2011

 

 

 

«Reformiert in Minsk:Eine Gemeinde im Untergrund!»      

Interkulturelle Begegnung als Beitrag zur politischen
und religiösen Verständigungsarbeit

Reisebericht Minsk

Die Anreise
Bereits am 26.12. machen wir uns am Abend mit dem Zug auf den Weg in unser Abenteuer Minsk. Von Hamburg-Altona aus geht es zuerst einmal nach Berlin, wo wir dann nach einer Nacht im Hotel am 27.12. den Flieger Richtung Minsk nehmen können.
Früh müssen wir am Montag aufstehen, um unseren Flieger zu erreichen. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Riga kommen wir endlich gegen Mittag in Minsk an. Nun müssen wir noch durch die Pass- und Visakontrolle, eine weißrussische Krankenversicherung abschließen und unser Gepäck vom Band holen.    


Der erste Tag
Am Flughafen werden wir von Andrus, dem Pastor der reformierten Kirche in Minsk, abgeholt und herzlich willkommen geheißen. Mit einem Kleinbus geht es nun vom Flughafen in die Stadt zu unserer Unterkunft, dem Theologischen Seminar der Baptisten – wo wir die Woche über untergebracht sind.
Nachdem wir unsere Zimmer bezogen und ausgepackt haben, kommt - nach einem langen Anreisetag - der Hunger. So machen wir uns auf den Weg, um etwas zu essen. Durch Kälte und Schnee gehen wir, gemeinsam mit Andrus, auf die Suche nach einem nahegelegenen Einkaufszentrum.  Doch vorerst kommen wir leider nicht sehr weit. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum wollen wir noch kurz bei einem Arzt vorbeischauen, da eins unserer Mädchen seit der Landung über starke Schmerzen klagt. Aber es gibt keinen Arzt weit und breit, und die Schmerzen werden immer schlimmer. So entscheiden wir uns, mit Hilfe eines freundlichen weißrussischen jungen Mannes direkt die Ambulanz anzurufen. Nach weiteren 20 Minuten in Kälte und Schnee kommt endlich der Ambulanzwagen. Im Anschluss an die Untersuchung vor Ort wird entschieden, dass es besser sei ins Krankenhaus zu fahren. Und so fährt unsere Übersetzerin samt krankem Mädchen mit der Ambulanz ins Minsker Kinderkrankenhaus. Dort bleiben die beiden über Nacht.
Was für ein erster Tag – nachdem wir dann noch etwas gegessen haben, fallen wir alle erschöpft und müde von der Reise und den ersten Eindrücken ins Bett.


Tag 2
Nach der ersten Nacht und einem gemeinsamen Frühstück machen wir uns nun auf den Weg zu unserer ersten Exkursion.
Auf dem Weg dorthin halten wir am Kinderkrankenhaus, um Ulrike und Anabel abzuholen.
Nun hätte es endlich losgehen können – wäre da nicht die Scheibe unseres Kleinbusses in 1000 Stücke zerplatzt, als Reiner die Bustür schließen will. So brauchen wir eine neue Scheibe und verbringen die Wartezeit in einem kleinen Einkaufszentrum. Nachdem der Bus uns mit neuer Scheibe wieder eingesammelt hat, machen wir uns auf den Weg. Doch auch jetzt kommen wir nicht weit, nach 15 Minuten haben wir einen Auffahrunfall und müssen unsere Fahrt leider wieder unterbrechen und auf einen neuen Bus warten. So fahren wir erst gegen Nachmittag aus der Stadt in Richtung Rakow, wo wir uns ein kleines privates Museum anschauen. Hier sind viele Kunstwerke, Kleidungsstücke und Unmengen an historischen Schriftstücken gesammelt und ausgestellt. Bei den nicht enden wollenden Ausführungen des Museumsbesitzers wird einem jedoch leider nicht immer ganz klar, wo in der Geschichte welches Ausstellungsstück einzuordnen ist. Aber es ist interessant, den vielen historischen Gegenständen einmal ganz nahe zu kommen.    
 
Tag 3
Auch unser dritter Reisetag ist nicht minder spannend als die beiden ersten Tage.
Gemeinsam mit unserer Reiseleiterin Natascha und zwei weiteren einheimischen Begleitern begeben wir uns auf eine Art Zeitreise.
Nachdem wir uns außerhalb von Minsk eine orthodoxe Kirche angesehen haben, fahren wir in ein kleines „mittelalterliches“ Dorf, um uns auf die Suche nach einem in einer Schlacht verloren Sohn zu begeben und in der Zeit einige hundert Jahre zurückzureisen.
Hier verbringen wir ein paar Stunden in einer anderen Welt, lernen traditionelle weißrussische Tänze, freuen uns über den aus der Schlacht zurückgekehrten Sohn, kämpfen gegen die bösen Nachbarn und lernen auf spielerische Art und Weise viel über die Vergangenheit und einen Teil der weißrussischen Geschichte.
Am Abend des dritten Tages steht dann Schlittschuhlaufen auf dem Programm. Nachdem im Bus alle etwas geschlafen haben – eigentlich schlafen im Bus immer alle – geht es aufs Eis. Im Anschluss gibt es noch einen kleinen Stadtbummel, und dann geht es zurück in unsere Unterkunft.
Die Einen vergnügen sich auf dem Eis, die Anderen folgen der Einladung zur Kirchenratssitzung. Galina lädt zu sich nach Hause ein. Wie immer genießen wir eine warmherzige Gastfreundschaft mit reich gedecktem Tisch. Beengt wohnen die Weißrussen, denn Wohnraum ist teuer. Die Durchschnittsfamilie teilt sich eine Etagenwohnung manchmal mit drei Generationen. Das Wohnzimmer ist unser Konferenzraum; wir werden wie Könige beköstigt. Die finanzielle Lage der Gemeinde ist angespannt. Heiz- und Stromkosten verschlingen den kleinen Etat der Minsker Gemeinde. Dankbar nehmen unsere Freunde die aus Hamburg mitgebrachte Kollekte entgegen. Unsere reformierten Geschwister hoffen, dass sie im Jahr 2011 ein Steinhaus mit Heizung und Toiletten erwerben können. Es beschämt uns, von dem repräsentativen Umbau unseres Gemeindezentrums zu berichten. Wer weiß, vielleicht wird zur Eröffnung am Pfingstsonntag ein Gast aus Minsk anreisen! Ulrike Patow – was wären wir ohne sie! – übersetzt und erklärt, wie wichtig wir die Anbindung an die reformierte Weltfamilie erachten. Durch den tiefen Schnee fahren wir in Alenas Auto – ihr Sohn Aljoscha hat den uralten Mercedes in Hamburg gekauft - durch die Nacht zurück ins Gästehaus. Die Gedanken kreisen um die Partnerschaft zwischen Minsk und Hamburg: was wäre nicht alles noch zu diskutieren! Der gute Wille ist auf beiden Seiten zu spüren. Sprache und Theologie, Politik und Finanzen zeigen uns Grenzen auf.

Tag 4
Dieser Tag wird eine Herausforderung auf ganz unterschiedlichen Gebieten sein. Wir begegnen der leidvollen Geschichte Osteuropas. Die erste Station ist die Gedenkstätte Kurabaty am Rande von Minsk.
Dieses Gelände ist ein weit ausgedehntes Massengrab. An dieser Stelle haben die Sowjets in den Jahren 1937-41 ein Massaker an den Weißrussen verübt. Über 200.000 Intellektuelle und Oppositionelle sind damals unter Stalin erschossen worden. Wir müssen Handys ausschalten, um jegliche Form der Bespitzelung unterbinden zu können. Offiziell hat diese Gedenkstätte keine Anerkennung. Das kommunistische Regime unter Lukaschenko kennt keine Geschichtsaufarbeitung des Stalinismus. Im Bus diskutieren wir - tief beeindruckt - über Menschenrechtsverletzungen und undemokratische Zustände in Weißrussland. Nach einer Stunde Fahrt gen Norden gelangen wir zur zweiten Gedenkstätte, „Chatyn“ – nicht zu verwechseln mit dem Katyn bei Smolensk, der Gedenkstätte für polnische Militärs! Unser Chatyn befindet sich in einem tief verschneiten Waldgebiet. Chatyn ist die offizielle Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus. Und dies heißt in Belarus: für die Opfer der deutschen Okkupation. Chatyn steht stellvertretend für über 100 andere weißrussische Dörfer, die von der deutschen SS ausgelöscht wurden.
Dieses Massaker an der Zivilbevölkerung wurde als Vergeltungsmaßnahme für Partisanenübergriffe auf die deutsche Besatzung verübt. Das Gelände ist gespenstisch still. Wir sind die einzigen Besucher dieser Stätte. Überall, wo ehemals Häuser standen, sind Schornsteine aufgestellt, an deren Spitze Glocken alle zwei Minuten läuten. Wir empfinden Scham als Deutsche und spüren, wie viel Leid der Zweite Weltkrieg in Belarus verursacht hat. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist durch den Krieg umgekommen.
Nach diesen schweren Begegnungen mit der Geschichte sind wir froh, auf andere Gedanken zu kommen.
Die Reise führt uns ins Winterskigebiet Silichi. Im Nu sind Ausrüstung und Bretter ausgeliehen, und wir sausen die Pisten hinunter. Wahnsinn, welche sportlichen Talente unter uns sind! Alexei stand noch nie auf Skiern und wagt die Abfahrt. Leider fällt er unglücklich und zieht sich einen doppelten Bänderriss an dem Daumen zu. Für ihn als Profi-Musiker ist das eine Katastrophe! Wir haben große Mühe ihn zu trösten.
Mit eisigen Füßen machen wir uns nach dem Abendbrot auf den Heimweg nach Minsk, wo wir schon sehnsüchtig zur Bibelstunde erwartet werden. Die kleine Holzkirche hat winzige Elektroheizkörper. Mit Tee und angeregten Gesprächen halten wir uns (halb-)warm. An drei Tischen(deutsch, englisch und weißrussisch diskutierend) erörtern wir das Gleichnis von den bösen Weinbergspächtern. Erstaunlich lebendig und vielstimmig geht es in unserer Bibelstunde zu. Wir sind begeistert über den geistlichen Austausch, über das Gebet und die Begegnung.

Tag 5

Silvestertag! Wir sind gespannt wie ein Flitzebogen. Wer hätte jemals gedacht, dass wir den Jahreswechsel in Weißrussland mit sooo viel Schnee erleben würden. Der erste Knaller des Tages ist, dass wir das Militärmuseum des Vaterländischen Sieges besichtigen. Bunker, Panzer, Ausrüstungen und Waffen des Zweiten Weltkriegs werden uns im Laufschritt vorgeführt. Mit diesem Museum schmückt sich Präsident Lukaschenko und setzt sich nachträglich einen Lorbeerkranz für alle Heldenhaftigkeit auf den Kopf. Uns graust es – die Zurschaustellung der Waffen lässt uns ahnen, wie viel Blut an diesem Ort vergossen wurde.
Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Die jüngere Fraktion stärkt sich endlich(!) mit Burgern bei Mc Donald´s, während die ältere Fraktion genüsslich im eleganten Grand Cafe einen Kaffee zu sich nimmt. Inas Originalton: „Es ist himmlisch hier!“ Die Innenstadt bietet einigen westlichen Luxus – mit Euros alles erschwinglich, für die meisten Weißrussen kosten die Artikel ein Vermögen. Alexei hat uns im Konzertsaal Karten für das Galakonzert besorgt. Um 19 Uhr sitzen wir geschminkt und mit high heels in der ersten Reihe direkt vor dem Dirigent der Minsker Symphoniker und lauschen dem Medley von Tschaikowsky, Strauß, Vivaldi und Beethoven. Weißrussen lieben Kunst, Musik und Kultur – und wir genießen das Bad in der Menge wie auch der Dirigent, der uns höchstpersönlich begrüßt. Die Silvesterparty im Gästehaus bietet einige Überraschungen – unsere Freunde aus der Gemeinde erscheinen auf den letzten Drücker. Nichts läuft eigentlich so ab, wie es geplant war. Weißrussen sind Lebenskünstler – und wenn man dies noch nicht ist, wird man es in der Kürze von vier Tagen. Es wird geplant, verschoben, verspätet, gepatzt, spontan neu organisiert und dabei viel Zufriedenheit und Gelassenheit an den Tag gelegt. „Was soll´s? Lasst uns Tee trinken (oder Wodka – nein, wir nicht!), anders ist auch schön.“ Wir machen mit, springen um 0.00 Uhr vom Stuhl, landen glücklich auf beiden Füßen und stürmen mit der Metro ins Zentrum. Leider verpassen wir das viel gelobte Feuerwerk – irgendwo zwischen den Stationen Partisanskaya und dem Boulevard der Unabhängigkeit. Oder war es am Roten Platz? Jedenfalls tanzen wir bis 4 Uhr morgens um den riesigen Weihnachtsbaum mit vielen Weißrussen bei gefühlten -30°C. Umgeben sind wir von Wodkagerüchen und vielen Sicherheitskräften mit Knüppeln und Pistolen. Das Regime sorgt dafür, dass politische Kundgebungen gefälligst unterbleiben. Vor 10 Tagen wurden genau an diesem Platz Hundert von Menschen zusammengeschlagen und in Haft genommen. Wir schreien: Snowym godom! Frohes neues Jahr! Und fallen um halb 5 todmüde ins Bett.

Tag 6

Der letzte ganze Tag in Minsk. Wir dürfen ausschlafen. Um 16 Uhr sind wir zur Tanzparty in der Kirche  geladen. Die Tanzlehrer erscheinen mit  fast zwei Stunden Verspätung und einer Wodka-Fahne. Wir machen gute Miene zum bösen Spiel und schwingen das Tanzbein. Eura! Eura! Ina muss vortanzen und kann sich dem Charme des verschwitzten Ilja kaum entziehen. Sie leidet sie und wir leiden mit ihr! Aber einmalig war es schon, im verschneiten Minsk in der Holzhütte weißrussische Tänze zu erlernen! Auf dem Heimweg werden Reiner und Ulrike schlichtweg überstimmt: die Gruppe fordert endlich ein echt deutsches Mahl und kehrt bei Mc Donald´s ein! Das nennen wir Demokratie in einem sozialistischen Land! Wir lachen viel und freuen uns an den Russenmützen und Schnapsleichen.

Tag 7
Koffer packen und rein in den Bus in Richtung Kirche. Wir haben für unsere Gastgeber viele Geschenke im Koffer und drei Lieder, die wir im Gottesdienst präsentieren. Die Partnerschaft zwischen Hamburg und Minsk wächst – wie eine zarte Pflanze. Wir haben große Gastfreundschaft erlebt und viele Abenteuer bestanden. Zurück bleiben unsere Freunde: Alexei, Andrus, Alena, Galina, Sascha, Aljoscha und viele mehr. Wir winken und hoffen auf eine bessere Zukunft für dieses Land.
Was wir in Riga beim Zwischenstopp erlebt haben, ist eine weitere, spannende Geschichte. Dazu mehr am 13. Februar im Gottesdienst!


Ina Riedel und Reiner Kuhn